Was ist Pferdeosteopathie?

Entstehung und Übertragung aufs Pferd

Die Osteopathie wurde im 19. Jahrhundert von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still entwickelt. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden weitere Elemente hin-zugefügt. Nach den Regionen ihrer Behandlung unterscheidet man die Osteopathie in drei Bereiche. Die parietale Osteopathie beschäftigt sich mit dem Bewegungsapparat, also vorwiegend mit Bindegewebe, Muskulatur und Gelenken. Die viszerale Osteopathie beschäftigt sich mit den inneren Organen und deren bindegewebiger Aufhängung. Die craniosakrale Osteopathie widmet sich den „Inhärenten Rhythmen“ des Organismus“ und untersucht dazu vorwiegend den Liquor in Rückenmark und Gehirn.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Osteopathie von dem französischen Arzt Dominique Giniaux auf Pferde übertragen. Allerdings nur der parietale Teil. Pferde sind wegen ihrer dicken Bauchdecke für die viszerale Osteopathie ungeeignet. Diese verhindert das Abtasten und das Manipulieren der inneren Organe. Kurz vor der Jahrtausendwende übertrug Walter Salomon die craniosakrale Osteopathie auf Pferde.

Bezeichnung: zusammengesetzt aus „Osteon“ (griechisch) = Knochen und „Pathos“ (auch griechisch) das Leiden. Der Begründer der Osteopathie, Andrew Taylor Still hatte als erstes den Bau der Knochen studiert, um die Leiden seiner Patienten zu lindern. Er bezog sich bei seinen Behandlungen auf Knochen, Muskeln und Sehnen, die anderweitig möglichen Behandlungen wurden später konzipiert. „Das Leiden, das von den Knochen kommt“ ist nach modernem Verständnis eine ungenaue Übersetzung.

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Osteopathie ist eine manuelle Diagnostik- und Behandlungsmethode, bei der die optimale Beweglichkeit der Gelenke wiederhergestellt werden soll. Prinzip: Das Leben zeigt sich in Bewegung. Dort wo die Bewegung eingeschränkt wird entwickeln sich Krankheiten.

Als „Gelenk“ im osteopathischen Sinne gilt alles, was sich gegeneinander bewegt:

  • Gelenke zwischen den Knochen
  • Faszienschichten
  • Muskelschichten
  • Innere Organe (Darm!)
  • Hirnhäute, Schädelnähte

Beim Menschen ist möglich die Behandlung:

  • des Bewegungsapparates (parietale Osteopathie)
  • der inneren Organe (viszerale Osteopathie) Verdauungsbeschwerden, funktionelle Herzbeschwerden, gynäkologische Funktionsstörungen
  • der Nervenbahnen (craniosacrale Osteopathie) Migräne, auch Erkrankungen aus dem HNO-Bereich

Am Pferd sind viszerale Techniken aufgrund der anatomischen Verhältnisse nicht möglich. Die Osteopathie versteht sich nicht als „Alternativ-Medizin“, sondern als ergänzende Möglichkeit neben der Schulmedizin

Präventiver Ansatz:

  • Durch Beheben von Bewegungsstörungen kann das Entstehen von Erkrankungen verhindert werden.

Grundsätze der Pferdeosteopathie

Es gibt 4 Grundsätze in der Osteopathie:

Die Gesamtheit des Körpers

Der Körper eines Lebewesens ist mehr als die Summe seiner Einzelnen Teile. Jede Fehlstellung, jede Verspannung setzt sich durch den gesamten Körper fort und kann Beschwerden auch in „weit entfernten“ Körperregionen auslösen. Beispiel: Ein Pferd mit Zahnproblemen bekommt Blockierungen im Kiefergelenk, was sich über die Verbindung Schädel/Atlas/Axis auf die Wirbelsäule fortsetzt. Hierdurch können Taktfehler entstehen.

Die Fähigkeit zur Selbstheilung

„medicus curat, natura sanat“ der Ausspruch stammt aus dem Altertum (wird Hippokrates zugesprochen) und heißt: „Der Arzt behandelt, die Natur heilt“. Durch die osteopathische Behandlung wird durch Mobilisation der Strukturen eine optimale Beweglichkeit und Gewebsernährung (wieder)hergestellt. Damit hat der Körper optimale Bedingungen, sich gegen Krankheitsprozesse zu wehren und sich selbst zu regenerieren.

Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion
Struktur: Form und Beschaffenheit eines Körpers
Funktion: Art und Weise, wie Aufgaben erfüllt werden

Die Natur geht den Weg des kleinsten Widerstandes Beispiel: eine runder Gegenstand (Kugel, Rad) rollt. Ein flacher Gegenstand (Pyramide, Quader) gleitet. Die Funktion folgt der Struktur

Zwingt man einem Körper eine bestimmte Funktion auf, wird sich die Struktur entspre-chend verändern. Ein Rad, das auf dem Boden vorwärts gezogen wird, schleift sich ab und entwickelt eine Gleitfläche. Bei einem Würfel, den man auf ebener Fläche „rollt“, schleifen sich die Kanten rund

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Das System strebt nach dem Zustand des geringsten Widerstandes.

Die arterielle Regel

Um optimal funktionieren zu können muß das Gewebe gut mit Blut versorgt sein (über die Arterien). Wenn genügend Blut im Gewebe ankommt, wird das Gewebe mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt, es kommen genug immunkompetente Zellen an, um untergegangene Gewebszellen oder „Fremdkörper“ abzubauen. Wichtig ist hierbei auch ein ungestörter Abtransport des Blutes und des Gewebswassers (Lymphe), um die „Entsorgung“ von Stoffwechselprodukten sicherzustellen. In gestautem oder schlecht durchblutetem Gewebe sind diese Vorgänge gestört. Zu Infektionen gibt es den Ausspruch „die Mikrobe ist nichts, das Terrain ist alles“. Das heißt, daß eine Infektion nur dann „angehen“ kann, wenn das Gewebe minderdurchblutet oder in seiner Drainagefunktion gestört ist.

Die osteopathische Läsion

Jedes Gelenk hat eine natürliche motorische Barriere, durch die die natürliche Beweglichkeit des Gelenkes begrenzt wird:
Knochenhemmung:

•    durch die Annäherung knöcherner Strukturen wird die Beweglichkeit begrenzt.
•    Beispiel: Ellenhaken am Oberarmknochen bei Streckung des Ellenbogengelenkes

Weichteilhemmung:

•    Begrenzung der Beweglichkeit durch zwischen den Knochen liegende Weichteile
•    Beispiel: Muskulatur an Ober- und Unterarm begrenzt die Armbeugung

Begrenzung der Beweglichkeit eines Gelenkes durch Bänder und Muskeln

Störungen des Bewegungsablaufes kommen zustande durch:

•    Muskelverspannungen
•    Schwellungen
•    Verklebungen von Faszienschichten
•    Etc.


Die Gelenkblockierung

Menschen und Tiere haben einen Bewegungs- und Lagesinn für ihren Körper (Propriozeption). Auch ohne visuelle Kontrolle wissen wir, ob, z.B. ein Arm gestreckt oder gebeugt, hängend oder erhoben ist. Der Tonus der Muskulatur wird ohne bewußtes Zutun gesteuert, um den stehenden Körper im Gleichgewicht zu halten, Muskeln Sehnen und Gelenke vor Überlastungen zu schützen. Hierfür gibt es verschiedene Regelkreise, die durch Reflexe gesteuert werden.

Die Blockierung eines Gelenkes kommt durch eine Fehlsteuerung der gelenknahen Muskulatur zustande, die sich zusammenzieht und nicht wieder entspannt.

Auswirkungen einer Blockierung:

•    Mobilitätsverlust
•    Verringerung der Durchblutung im betroffenen Bereich
•    Störung der Beweglichkeit der Hirnhäute
•    Druck auf Nervenstrukturen
•    Unphysiologischer Zug an den Faszien
•    Einfluß auf das vegetative Nervensystem und damit auf die inneren Organe

Richtungsangabe einer Läsion:

•    Immer dahin, wohin die Bewegung gut geht.

Beispiele:

•    Läsion in Beugung heißt: das Gelenk lässt sich gut beugen, aber schlecht strecken

Läsion in Seitneigung nach links (im Bereich der Wirbelsäule) heißt: die Wirbelsäule beugt sich gut nach links, aber schlecht nach rechts.